Amerika VON Laibach BIS Rammstein

Vor wenigen Jahren erst habe ich LAIBACH und RAMMSTEIN für mich entdeckt und eine Leidenschaft für beide entwickelt. Die Empfehlung eines Freundes, mir die Dokumentation LAIBACH – DIVIDED STATES OF AMERICA (SVN 2006) von Saso Podgorsek anzusehen, hat jedoch seither auf eine Realisierung gewartet. Nicht anders hat es mit der Dokumentation RAMMSTEIN IN AMERIKA (D 2015) von Hannes Rossacher ausgesehen. Nun habe ich beide endlich gesichtet – unmittelbar nacheinander. Und es lässt sich nur sagen …

… dass sich das Warten gelohnt hat. Zwar sind beide Filme derart beeindruckend, dass ich es bereuen müsste, sie nicht schon längst gesehen zu haben, aber andererseits fühlt es sich so an, als wäre es jetzt ein passender Zeitpunkt gewesen: Die richtigen Filme zur richtigen Zeit mit dem richtigen Zugang zu den Künstlern und den angesprochenen Themen.

Wie unheimlich spannend es doch immer wieder ist, auf Ähnlichkeiten, Zusammenhänge und Verbindungen zwischen LAIBACH, Neue Slowenische Kunst, und RAMMSTEIN, Neue Deutsche Härte, zu stoßen – gepaart mit den kleinen, aber äußerst feinen Unterschieden. Künstlerische Provokationen, die als rechte Tendenzen fehlinterpretiert werden, brachiale Inszenierungen und vieles mehr begleiten beide. Der Blick auf die Dokumentationen zeigt nun, wie Amerika, vor allem die USA, von beiden gesehen werden – mehr oder weniger.

LAIBACH dokumentieren die Rezeption der Band durch die Amerikaner in der unmittelbaren Zeit nach den Wahlen zum US-Präsidenten im Jahr 2004, als George W. Bush für eine zweite Periode gewählt wurde. Die Menschen, die interviewt werden, sprechen von einem tief gespalteten Land, Ängsten um die gesellschaftliche und globale Zukunft – und wie LAIBACH während der THE DIVIDED STATES OF AMERICA TOUR zu einem notwendigen und unterstützenden Gegenpol werden. LAIBACH selbst melden sich schlichtweg nicht zu Wort. Inzwischen sind fünfzehn Jahre vergangen, Barack Obama ist nach zwei Perioden auch nicht mehr US-Präsident, und es stellt sich die Frage, wie gespalten die USA nun sind. Die Dokumentation dreht sich weniger um die Band, die Kunst oder das Kollektiv, sondern betrachtet die USA bzw. lässt deren Stimmen zu Wort kommen. Allerdings werden diese als auch die Band recht einseitig hervorgehoben – aber genau das entspricht der widersprüchlich-polarisierenden Kunst von LAIBACH. Die Dokumentation fordert heraus, das zu bedenken, was nicht angesprochen wurde. Im Film werden wiederkehrend Zitate von LAIBACH eingeblendet, die ähnliches zum Ausdruck bringen. Wie schön und fordernd es da heißt: Wer unsere Musik nicht mag, drehe sich um 360 Grad und gehe. (Minute 22:25)

RAMMSTEIN verfolgen in der Dokumentation vor allem die Geschichte der Band und wie sehr diese mit den USA und dem Erfolg dort – positiv wie auch negativ – verbunden ist. Die Band steht damit, anders als bei LAIBACH, unmittelbar im Mittelpunkt. Und dennoch werden vielseitige Einblicke in eine vielschichtige Gesellschaft und Kultur gegeben, die eng mit der Band verknüpft sind und gleichzeitig Unterschiede zu europäischen Verhältnissen aufzeigen: Allein die Herausforderungen und Limitierungen beim Einsatz von Feuer während der Shows, die kulturell geformten Ansprüche des Publikums und die Sprache der Autoritäten, die Till Lindemann und Christian ‚Flake‘ Lorenz wegen anzüglicher – und trotzdem künstlerischer – Inszenierungen ins Gefängnis gebracht haben. RAMMSTEIN haben es als deutsche Band in den USA geschafft, sich einen Namen zu machen – ein seltenes Phänomen. Die Dokumentation zeigt aber auch deutlich, dass das kein einseitiges Spiel ist, denn die USA in aller Vielschichtigkeit wirken auf die Band zurück. Diese Wechselseitigkeit zwischen Band und Kultur wird deutlich.

Zwei Bands, zwei Dokumentationen, ein Thema, zwei Herangehensweisen. LAIBACH und RAMMSTEIN zeigen für mich immer wieder wundervolle Ähnlichkeiten, ohne dass sie sich überschneiden. Das werden sie auch nie – wieso sollten sie auch. Im positivsten aller Sinne sehe ich deshalb auch die Beschreibung, die beiden nachgesagt wird: RAMMSTEIN ist LAIBACH für Kinder und LAIBACH ist RAMMSTEIN für Erwachsene! Die Konzerte beider verdeutlichen das: Egal, wer spielt, es wird alles zum Einsturz gebracht. Der Unterschied besteht nur darin, dass LAIBACH hintergründig auf eine intellektuell-brachiale und sprichwörtliche Art und Weise vorgehen, während RAMMSTEIN vordergründig die inszenatorisch-brachiale und wortwörtliche Variante wählen. Wer zumindest an einer der beiden Bands ein Interesse hat und sich schlichtweg für mehr als nur eine Show interessiert, dem sind beide Dokumentationen und die Konzerte, die auf den DVDs und Blu-Rays sind, wärmstens empfohlen – in beliebiger Reihenfolge.

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