Die Akte Grant (USA 2012)

Der Zufall hat mich neulich zu THE COMPANY YOU KEEP – DIE AKTE GRANT (USA 2012) geführt. Der Spielfilm ist gestartet – und ich bin hängengeblieben. Irgendetwas war, vor allem für einen jüngeren Spielfilm, an der Inszenierung von Anfang an anders. Und anders bedeutet interessant, sogar äußerst interessant. Dialoge, die normalerweise stattfinden würden, wurden ausgeblendet. Die Inszenierung und die Abläufe erschienen viel langsamer und angenehmer. In nur wenigen Einstellungen keimte bereits die Vorstellung von einer komplexeren, inhaltlich vielschichtigen Geschichte auf …

… die in Jugend-Protesten in den USA gegen den Vietnam-Krieg und das gesamte amerikanische polit-gesellschaftliche System den Ausgangspunkt hat. Idealismus, Kritik und der Drang zur Revolution haben einige Leute damals in einer Untergrund-Organisation zusammengeführt – die Leute, mit denen man sich abgibt. Ein Verbrechen von Anfang der 1970er mit einem Todesopfer hat einige zu meistgesuchten Verbrechern werden lassen und in der Folge die Gruppe in alle Winde zerstreut. Über Jahrzehnte haben sie sich neue Leben und Identitäten aufgebaut. Einige haben die Last der Schuld weiter mit sich herumgetragen, andere die Flamme der revolutionären Einstellungen weiter aufrechterhalten oder neue Perspektiven eingenommen.

Jim Grant, eigentlich Nick Sloane, gelangt durch einen Reporter in den Mittelpunkt neuer Ermittlungen, nachdem Sharon Solarz, die schon lange vorhatte, sich zu stellen um für die Schuld von damals einzustehen, verhaftet wurde. In anderen Spielfilmen würde sich nun eine action-lastige und schlecht nachgemachte Variante von AUF DER FLUCHT (USA 1993) entwickeln, aber die Besonderheit an THE COMPANY YOU KEEP – DIE AKTE GRANT (USA 2012) ist die immer wieder aufkeimende Begegnung von Gegenwart und Vergangenheit im Austausch zwischen den Menschen, die um deren Gesinnung von damals und dem Leben jetzt wissen. Das führt immer wieder zu unfassbar gelungenen und inhaltlich prägnanten Dialogen, in denen die Einstellungen von damals und aus der Gegenwart aufeinandertreffen. Das Drehbuch von Lem Dobbs ermöglicht etwas, was in der Intensität viel zu selten in Spielfilmen zu erleben ist: Charaktere, die intensiv mit Reflexion beschäftigt – über Vergangenes, Gegenwärtiges, Gesellschaftliches, Kulturelles, Systemisches, Zeiten, Veränderungen … und sich selbst. Das spürt man beinahe in jeder Einstellung in diesem Spielfilm. Die Charaktere müssen dafür noch nicht einmal ausführlich vorgestellt worden sein oder über mehrere Szenen dabei sein, dennoch ist eine komplexe Gesamtheit auch im Einzelnen wahrnehmbar. Das I-Tüpfelchen ist da nur noch, dass Robert Redford, der nicht nur vor der Kamera stand, sondern auch Regie geführt hat, alle diese Rollen mit erstklassigen und weltbekannten SchauspielerInnen besetzen konnte. THE COMPANY YOU KEEP – DIE AKTE GRANT (USA 2012) ist für manchen Zuschauer vielleicht unspektakulär, aber wer sich auf die Geschichte der Leute und deren Einstellungen erst einmal einlässt, hat ein besonderes filmisches Erlebnis vor sich.

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