The Prodigy: No Tourists (UK 2018)

Lange vorbei scheinen die Zeiten zu sein, in denen endlos viele Jahre vergehen mussten, bis THE PRODIGY ein neues Album veröffentlichen. Nach THE DAY IS MY ENEMY von 2015 ist dreieinhalb Jahre später nun NO TOURISTS erschienen. Das Album läuft – es läuft derzeit pausenlos bei mir, um die neuen Klang-Tüfteleien aufzusaugen und mich daran zu erfreuen. Und dennoch beschäftigt mich auch dieses Mal sehr die Frage, wie NO TOURISTS in die Reihe der anderen Alben passt, wie viel Frische im Vergleich zu den anderen hierin zu finden ist. Die Band macht es sich und mir nicht leicht, es ist und bleibt eine Herausforderung.

Eines vorweg: Das dritte Album, THE FAT OF THE LAND von 1997, ist in der wegweisenden und vielfältigen Art aller sich darauf befindenden Tracks sicherlich immer noch die absolute Messlatte für jedes weitere neue Album. Die Band ist aber weder mit ALWAYS OUTNUMBERED / NEVER OUTGUNNED, noch mit INVADERS MUST DIE, THE DAY IS MY ENEMY oder NO TOURISTS angetreten, um sich selbst und THE FAT OF THE LAND zu übertreffen. THE PRODIGY, allen voran der Klang-Tüftler und eigentliche Herr der Beats, Liam Howlett, sind zuverlässig wie bisher. Das Album liefert in allen Tracks eine überwältigende und treibende Sound-Gewalt, wie man sie von der Band gewohnt ist. Diese wird gepaart mit vielen detailverliebten Spielereien, die auf eine nostalgische Art an die Zeiten von den ersten beiden Alben EXPERIENCE und dem wunderbaren MUSIC FOR THE JILTED GENERATION erinnern und anknüpfen.

THE DAY IS MY ENEMY hatte bei mir das Gefühl hervorgerufen, dass das Album wie eine durchtanzte Nacht im Club ist, von Anfang bis Ende. Und genau diese kurzweilige Art bietet auch NO TOURISTS. Die Songs sind durch und durch ansprechend, energiegeladen und treibend. Während die Reihenfolge bei THE DAY IS MY ENEMY es aber auch hervorragend geschafft hat, die Geschichte einer Club-Nacht von Anfang bis Ende zu erzählen, scheint mir bei NO TOURISTS die Abfolge nicht ganz so gelungen zu sein. NEED SOME1 ist für mich nicht die passende Eröffnung, dieser Track passt mehr zum Ende hin.

Das eigentliche Problem von NO TOURISTS, vor allem im Vergleich mit der Klasse von THE FAT OF THE LAND, liegt aber in etwas anderem. Die Songs für sich genommen sind wunderbar, sie liefern den Spaß und die Beat-Wucht, wie man sie von THE PRODIGY kennt und sich auch erhofft. Die Beats sind schnell und so läuft auch das Album schnell ab und treibt an. Und dann heißt es plötzlich: Schluss. Aus. Vorbei. Es wurde ausgelassen getanzt, die Zeit genossen und das war es dann. Was bleibt ist ein Erlebnis – aber anders als bei THE FAT OF THE LAND eines ohne prägnante, tiefergehende Stimme, die über lange Zeit nachhallt.

Inzwischen hält die Liebe von mir zur Band und deren Sounds 22 Jahre an. Auch NO TOURISTS lässt den Takt meines Herzschlags wieder ansteigen. Dennoch, diese ganz besondere Spitze beim Herzschlag, die auf etwas außergewöhnliches reagiert, wird nicht erreicht. Alles, was bleibt, ist das, was man schon kennt, aber trotzdem liebt. Die Band ist nicht angetreten, um ein neues THE FAT OF THE LAND zu veröffentlichen, und das ist auch richtig so. Dennoch treten sie mit voller Energie, vollem Einsatz und absoluter Zuverlässigkeit an. Nur die Stimme, mit der sie sprechen und mit der sie sich in die Köpfe aller einbrennen, ist etwas schwach, vielleicht sogar banal. THE PRODIGY sind nicht einfach nur Standard, etwas außergewöhnliches spielt immer eine wichtige Rolle. Der weitere Weg nach NO TOURIST bringt das vielleicht wieder deutlicher ins Spiel – einfach wieder mehr querdenken. SMACK MY BITCH UP, BREATHE, DIESEL POWER, NARAYAN und FIRESTARTER, alle diese Songs finden sich auf THE FAT OF THE LAND. Alle Songs sind sehr verschieden, aber jeder davon hat eine eigene feste Stimme, die seit über zwei Jahrzehnten ausdauernd spricht und deutliche Töne findet. NO TOURISTS ist ein wunderbares Album, nur leider keine deutliche Ansprache.

THE PRODIGY haben das Album auf YouTube offiziell vollständig zugänglich gemacht. Die Liste der zehn Tracks ist hier eingebunden.

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