PRIMA verläuft der Arztbesuch …

… wenn sich die Liste der einzunehmenden Medikamente nicht zwangsläufig verlängert. Ärzte müssen dafür aber viele Details vor Augen haben, die den Patienten und die bereits vorhandene Medikation betreffen. Wie lässt sich aber der Überblick behalten und dabei effizient handeln? Das europäische Forschungsprojekt PRIMA eDS wirkt an der Optimierung der Behandlung multimorbider Patienten mit – auch am Studienstandort Rostock.

Die demographische Entwicklung bringt als Begleiterscheinung mit sich, dass immer mehr ältere Menschen aus einer Mehrzahl an unterschiedlichen gesundheitlichen Gründen Ärzte aufsuchen. Sie leiden häufig an mehreren chronischen Erkrankungen und nehmen daher oft verschiedene Medikamente ein. Ab einer täglichen Einnahme von fünf unterschiedlichen Medikamenten spricht man in der Medizin von einer Polypharmazie. Dies ist ein zunehmendes, aber noch wenig erforschtes Phänomen in der westlichen Welt. Vor allem ältere Patienten mit chronischen Erkrankungen sind von Polypharmazie betroffen. Über-75-Jährige nehmen im Schnitt 7,5 Arzneimittel ein. Die Einnahme vieler unterschiedlicher Medikamente steigert aber gleichzeitig auch das Risiko von unerwünschten Nebenwirkungen. Viele der eingesetzten Medikamente wurden ursprünglich an jüngeren Menschen mit nur einer Erkrankung getestet. Das Risiko für Neben- und Wechselwirkungen ist in diesen Fällen sehr gering. Bei älteren Menschen mit mehreren Erkrankungen, die zahlreiche Medikamente einnehmen, treten häufiger Nebenwirkungen oder Unverträglichkeiten auf als bei jungen Patienten. Polypharmazie kann also auch zu einem neuen Gesundheitsrisiko führen und die Lebensqualität beeinträchtigen. Um dies zu vermeiden, kann eine Reduktion der Medikamenteneinnahme sinnvoll sein.

Das europäisch geförderte Forschungsprojekt PRIMA eDS will dazu beitragen, dass die Medikamenteneinnahme durch eine elektronische Entscheidungshilfe in der Arztpraxis gegebenenfalls sinnvoll reduziert werden kann und den gesundheitlichen Nutzen dieses Ansatzes überprüfen. Dafür wurde auf Basis neuester wissenschaftlicher Ergebnisse ein Computerprogramm speziell für den Einsatz in der hausärztlichen Praxis entwickelt, das behandelnde Ärzte durch standardisierte Empfehlungen darin unterstützt, die bestmögliche medikamentöse Therapie bei möglicher Reduktion der Arzneimittelzahl für multimorbide Patienten herauszusuchen. Reduziert werden sollen dabei nur die Medikamente, die einen geringen Nutzen für die Zielgruppe der über 75-Jährigen Patienten haben, aber zugleich ein großes Risiko für Nebenwirkungen beinhalten. Getestet wird die elektronische Entscheidungshilfe bei niedergelassenen Ärzten im Einzugsgebiet der Studienzentren in Rostock, Witten sowie Österreich, Italien und Großbritannien. Durch PRIMA eDS sind positive Auswirkungen auf Behandlungsstandards, Kosten und Sicherheit für ältere Patienten mit Polypharmazie zu erwarten.

Derzeit bereitet das Team unter der Leitung von Dr. Christin Löffler am Institut für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Rostock die Pilotstudie vor, deren Ziel die umfassende Überprüfung und Optimierung des Computerprogramms für den Einsatz in der Praxis ist. Wie bei Software-Konzernen üblich, sind auch hier Testphasen notwendig, um Fehler und Probleme rechtzeitig erkennen und beseitigen zu können, die im eigentlichen Einsatz in der Praxis zeitraubend und hinderlich sind. Anschließend beginnt in der zweiten Jahreshälfte die vierundzwanzigmonatige Erprobungsphase, in der die Funktionalität und Wirksamkeit des Konzepts auf Herz und Nieren getestet wird.

Die Anwendung der Software in der Praxis ist im Idealfall wie ein Spezialeffekt im Film. Die besten Effekte sind immer diejenigen, die nicht auffallen, aber eine besondere Wirkung haben. Die Veränderung und Optimierung von Prozessen in Arztpraxen läuft für die Patienten geradezu unscheinbar ab, baut aber auf langjährigen, detaillierten und kontrollierten Studien und Prozessen auf. Wenn am Ende aber alles läuft, dann ist das einfach nur PRIMA.

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