Rostocker FilmFest #20: NullNummer?

Das Rostocker Filmfest sollte eine Plattform für den filmschaffenden Nachwuchs und das filminteressierte Publikum sein. Die Veranstalter haben es in Runde #20 allerdings nicht geschafft, inspirierend zu wirken oder inspiriert zu sein. Ein Nachruf an die Leidenschaft.

Der Regisseur Robert Rodriguez beschreibt im Buch »Rebel Without A Crew«, wie er mit dem für nur $ 7.000 US-Dollar produzierten Film »El Mariachi« (MEX 1991) in Hollywood einen Millionenvertrag ergattern konnte. Das Buch ist aber vor allem von intensiver Leidenschaft für Film und das damit verbundene Abenteuer gekennzeichnet. Bei den Vorführungen von »El Mariachi« auf Festivals hat er stets verdeutlicht, wie man als Ein-Mann-Team einen Spielfilm mit einem Mikro-Budget drehen kann und welche Ziele damit verbunden waren – denn es ging nur um das Sammeln von Produktionserfahrungen. Die Lektüre ist somit ein Einblick in das begeisterte Herz eines Filmemachers.

Blickt man auf das Rostocker Filmfest, die elf dort gezeigten Kurzfilme und die elf Teams, die hinter den Projekten stehen, so haben sich auf dem Podium leider immer nur Anzeichen für spannende und eingehendere Diskussionen erkennen lassen. Am Ende wurde aber nicht zum Kern des Filmemachens vorgedrungen. Die Dinge, die besprochen wurden, hätten auch in die Ankündigung des jeweiligen Films gepasst. Die Moderatoren sollten aber eigentlich auch das Sprachrohr für die Interessen des Publikums sein und dementsprechend Fragen stellen. Stattdessen hörte man nur des Öfteren, dass einem keine weitere Frage einfallen würde oder man hakte banal nach, ob ein Folgeprojekt geplant ist. Die Verknüpfung von Filmemachern und Publikum, die sich hätte entfalten können, blieb als große Lücke zurück. Dabei waren einige Fragen mehr als naheliegend, so zum Beispiel, wenn es um die Aussage eines Werkes ging. Einige Künstler haben sich dabei aus der Affäre gezogen und einen Positionsbezug vermieden, indem häufig die Antwort gegeben wurde, dass man nichts vorgeben wolle und sich der Zuschauer selbst eine Meinung bilden soll. Oder sehen die Macher selbst keine Aussage im Werk? Das wäre kein Fauxpas, sondern legitim. Kunst muss nicht unweigerlich mit einer Aussage oder Meinung des Urhebers zusammenhängen. Jeder sieht etwas anderes darin. Die jungen Filmemacher hätten mit dem Aufzeigen (k)eines Ansatzes zu einer angeregteren Diskussion beitragen können. Zumindest bei einigen Produktionen wie »Banana Split« schien ab und an durch, dass mögliche Aussagen spontan und ohne Intention entstanden sind.

Die gegenwärtige Kontroverse um den Mohammed-Film zeigt, wie sehr das Medium Film gesellschaftliche Themen berühren kann und wie in unterschiedlichen kulturellen Rahmen darauf reagiert wird. Die Amokläufe an Schulen in Deutschland im Hinterkopf habend, hätte »Luigi«, der bleihaltige Gangster-Film-Trailer, zu einer regen Diskussion darüber führen können, wie die Macher dazu stehen, blutige Schießereien in einer Schule zu drehen. Auch hier handelte es sich wieder um verpasste Chancen der Festival-Organisatoren.

Die Aussage von Karsten Kranzusch, dem Gewinner des 1. Rostocker Filmfests von 1993 und Jury-Mitglied in diesem Jahr, hätte man auch als Omen für die Veranstaltung ansehen können: »Damals hatten wir weniger technische Mittel, dafür hat man bei den heutigen Arbeiten häufig das Gefühl, dass sie ihr Thema aus den Augen verlieren.« Charmant ergänzte er aber, dass man zwei Jahrzehnte nach dem eigenen Gewinnerfilm immer solche Weisheiten auftischen kann. Mehr als ein Funke Wahrheit ist dennoch dran, wenn man sich die – zumeist ohne Sprache auskommenden – Filme und die Äußerungen auf dem Podium vor Augen führt. Der den Abend dominierende Stummfilm »In Nexo« hat allerdings – nicht nur wegen des hervorragenden Produktionsdesigns – zu Recht abgeräumt.

Das Rostocker Filmfest hat aber nicht das vorhandene Potential entfaltet – und scheint somit leider noch nicht den Kinderschuhen entwachsen zu sein. Was fehlt, ist die Leidenschaft.